Heilpädagogische Forschung

Rezensionen Heft 3 Jahrgang 2015

Lelgemann, R., Singer, Ph. und Walter-Klose, Ch. (Hrsg.) (2015). Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Stuttgart: Kohlhammer, 275 S., € 29,99

In diesem aktuellen Sammelband zum Thema Inklusion sind zwölf Beiträge unterschiedlicher Zielsetzung versammelt; vorangestellt wird ein Vorwort von Harry Bergeest, in dem er aus seiner Sicht wertvolle Hinweise zu den neueren Entwicklungen in der Pädagogik für Menschen mit Körperbehinderungen gibt. So weist er zu Recht drauf hin, dass das Streben nach Chancengleichheit und Selbstbestimmung keine Erfindung der Inklusionsbewegung seit den 1990er-Jahren ist. Sie seien vielmehr „handlungsleitende Maximen humanen soziologischen, sozialpsychologischen und pädagogischen Denkens seit Beginn der ‚modernen‘ Förderpädagogik (Sonderpädagogik) seit etwa 1960“ (S. 9). Mit der gesetzlichen Verankerung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 habe die theoretische Diskussion und die Umsetzung der Forderungen in der pädagogischen Praxis dann einen kraftvollen Schub bekommen. Im Blick auf die Körperbehindertenpädagogik stellt Bergeest aber auch fest, dass in der Konvention keineswegs die Abschaffung von „Sondereinrichtungen“ gefordert werde, wie sie zur Chancengleichheit in der schulischen Bildung vieler körperlich behinderter Kinder erforderlich sind.

Die Beiträge beginnen mit einem instruktiven Aufsatz von Lelgemann mit dem Titel: „Körperbehindertenpädagogik: Exklusives Bildungsangebot in inklusiven Zeiten – Gedanken zur Geschichte, Gegenwart und nahen Zukunft.“ Eingangs stell er fest, dass in der Inklusionsdebatte die Schülerschaft vor allem als Gruppe der vornehmlich körperbehinderten Kinder und Jugendlichen wahrgenommen werden, die scheinbar, außer einem Mobilitätsproblem, nur geringe Lern- und Lebenserschwernisse bewältigen müssen. Tatsächlich finden sich aber in vielen Förderschulen vor allem mehrfach und stark beeinträchtigte Schülerinnen und Schüler. Lelgemann skizziert dann im Folgenden die Entwicklung der Körperbehindertenpädagogik als erziehungswissenschaftliche Disziplin; dabei geht er von internationalen Entwicklungen aus, erörtert historische Aspekte und analysiert die heutige Situation in der Schülerschaft. Der hohe Anteil Mehrfach- und Schwerstbehinderter begründe nach wie vor die Existenzberechtigung der speziellen Schulen und Förderzentren. Die zeige sich auch im Bundesland Bremen, das die inklusive Schulentwicklung in den letzten Jahren zwar stark vorantrieb, aber auch noch Förderzentren und Schulen für Körperbehinderte hat. Er schließt mit einem Blick auf die „nahe Zukunft als Gestaltungsaufgabe“ und mit Überlegungen zum ̶Selbstverständnis der schulischen Körperbehindertenpädagogik“.

Ein umfangreicher Aufsatz (S. 41–84) von Singer folgt unter dem Titel: „Theoretischer Anspruch und praktische Wirklichkeit des inklusiven Ansatzes im pädagogischen Diskurs. Konsequenzen der normativen Einseitigkeit und des Umgangs mit Fremdheit.“ Das Literaturverzeichnis zu diesem Beitrag, das mit mehr als fünfzig Quellen ein breites Spektrum namhafter Fachautoren versammelt, lässt die Breite und Tiefe der Gedankenführung des Autors erkennen. Ausgegangen wird von den gesellschaftlichen Leitvorstellungen zur Inklusion, wie sie u.a. Andreas Hinz vertritt; dann kommen aber auch Gegenpositionen sehr klar und deutlich zu Wort: So wird etwa Emil Kobi, der leider zu früh verstorbene Schweizer Heilpädagoge, zitiert (S. 50): „Inklusion ist noch einmal eine der ‚Großen Erzählungen‘ vom Zusammensein Aller in Allem, wie sie im 20. Jahrhundert in verschiedenen Farbvarianten vorgetragen wurden: Als Utopien beflügelnd –, in erzwungenen Realitäten zerstörerisch!“ In seinem Fazit und Ausblick zitiert der Autor Heinz-Elmar Tenorths kritische Position gegenüber den von den „Inklusionsbefürwortern“ postulierten positiven Effekten von Inklusion (S. 79): „Allein der Überschwang der guten Ziele kann doch die Skepsis nicht dispensieren – wenn man selbst weiß, dass die Probe aufs Exempel die Praxis und die eigenen Handlungsmöglichkeiten sind, nicht die ­Anrufung der Menschenrechte.“ Nach Singer sollte diese intersubjektive Dimension inklusiver Prozesse richtungsweisend sein.

Es folgt ein gut lesbarer und praxisrelevanter Beitrag von Daut mit dem Titel (S. 87–108): „Pädagogische Unterstützung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Körperbehinderung in inklusiven Bildungsangeboten.“ Er enthält pädagogische und medizinische Reflexionen und wertvolle Hinweise zum Umgang mit jungen Körperbehinderten, die besonders für inklusive Prozesse wichtig sind.

Die weiteren neun Beiträge präsentieren sowohl Befunde zu empirischen Untersuchungen, als auch Erfahrungsberichte aus der Schulpraxis. Dabei sticht der Aufsatz von Walter-Klose (S. 111–148) deutlich hervor: „Empirische Befunde zum gemeinsamen Lernen und ihre Bedeutung für die Schulentwicklung.“ In zahlreichen Abbildungen und Tabellen hilft er dem Leser zum besseren Verständnis der komplexen Zusammenhänge und gibt abschließend auch Empfehlungen für den Aufbau inklusiver Bildungssysteme. Er geht aus von der Fragestellung: Was ist eigentlich Inklusion? und sieht zwei gegensätzlich Pole: die völlige Abschaffung der Förderschulen versus pluralistisches Schulsystem mit gemeinsamen und separierten Lernangeboten. Italien nennt er als Beispiel für die Abschaffung bzw. das Fehlen von Sonderschulen, die USA, Frankreich und Schweden erlauben dagegen auch Förderklassen in Regelschulen, also mit pluralistischen Schulsystemen. Wertvoll ist auch sein Rückgriff auf ältere empirische Studien, etwa die von Ursula Haupt und Ursula Gärtner-Hessdörfer zur Integration Körperbehinderter in das Gymnasium von 1986 und die qualitative Untersuchung von Katrin Uhrlau über die Erfahrungen von körperbehinderten Schülern in allgemeinen Schulen von 2006. Schon die Befunde dieser Studien gaben Hinweise auf das Machbare und die Grenzen der Inklusion. Als notwendig für den Erfolg erwies sich u.a. das Zwei-Pädagogen-System sowie generell die Haltungen und Kompetenzen der jeweiligen Lehrkräfte im Gemeinsamen Unterricht.

Über eine Studie, die 2012 veröffentlicht wurde, berichtet Singer (S. 149–187): „Heterogene Schülerschaft – heterogene Bedingungen. Befunde eines empirischen Forschungsprojekts zur schulischen Inklusion im Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung.“ Für Erfolg oder Misserfolg des Gemeinsamen Unterrichts sind u.a. das Elternhaus, aber auch der Unterstützungsbedarf bedeutsam; so ist etwa ein erhöhter Pflegebedarf des Schülers geradezu ein Ausschlusskriterium für einen gemeinsamen Unterricht. Eine nützliche Ergänzung zu empirischen Befunden ist ein Leitfaden, den Walter-Klose (S. 188–202) präsentiert: „Die Schule vom Kind aus denken&xnbsp;– Ein Leitfaden für Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit körperlicher Beeinträchtigung.“ Er ist in fünf Abschnitte gegliedert und geht von den Diagnosen und medizinischen Befunden aus, die über einen Schüler vorliegen; sie sollen kurz und prägnant benannt werden. Es folgen Rubriken für die wesentlichen Förderziele und Maßnahmen, die notwendige Unterstützung im lebenspraktischen Bereich (Ernährung, Pflege, Toilette etc.), Anpassung der Schulorganisation – Architektur und Raumgestaltung, personelle Struktur, Unterricht etc. Die abschließenden Beiträge mit Beispielen aus der Schulpraxis bringen Anregungen und Erfahrungen und sind ebenfalls lesenswert.

Das Buch stellt insgesamt eine vorzügliche Auseinandersetzung mit brennenden Fragen der sinnvollen und fragwürdigen Positionen und Zielsetzungen der Inklusion dar, vor allem weil ältere und neuere empirische Befunde aufgearbeitet wurden. Für Studium und Ausbildung angehender Lehrkräfte ist es ein wichtiges Studienbuch, für Schulpraktiker und Eltern eine Quelle, um eigene Standpunkte zu begründen und neue Sichtweisen und Erkenntnisse zu erfahren.

Hans Stadler, Heidelberg


Balliet, Mathias & Kliebisch, Udo (2015). Vorsicht, Klassenzimmer!: Erste Hilfe für 23 Notfälle. Weinheim: Beltz, 208 Seiten, € 16,95.

Angekündigt wird das Taschenbuch so: „Kennen Sie das? Kurz vor Unterrichtsbeginn stolpern Sie ins Klassenzimmer, die Schüler tanzen auf den Tischen, der OH-Projektor hat Sendepause und Ihr minutiös vorbereiteter Unterrichtsentwurf droht mal wieder an der Realität zu scheitern.“ Udo Kliebisch und Mathias Balliet kennen solche »Notfälle« aus ihrer Praxis als Lehrerausbilder und Berater von Referendaren und Schülern. In diesem Buch entwickeln sie handfeste Anregungen für den Schulalltag, die sich vor allem an Referendare und Berufseinsteiger, aber auch an gestandene Lehrkräfte richten. In 23 Situationen aus dem Schulalltag zeigen sie, wie Lehrer eine Balance zwischen Empathie und Führung finden, Elterngespräche führen oder mit neuen Medien arbeiten, ohne dabei gegen den Datenschutz zu verstoßen.

Als interessierter Leser ist man nun gespannt, ob das Taschenbuch die hohen Erwartungen, die so geweckt werden, nun auch erfüllen wird.

1. Der 1. Teil ist überschrieben mit „Kongruent Lehrer sein: Im System Schule ankommen und sich entfalten“, das Anfangskapitel startet mit der Aufforderung „Eigene Kompetenzen klären und entwickeln“.

Das copyrightgeschützte KODE-Konzept wird vorgeschlagen, das für Kompetenz, Diagnostik, Entwicklung, also für lose zusammengewürfelte Konstrukte, steht. Das hier vorgeschlagene Kompetenzprofil besteht aus personaler, Aktions- und Handlungskompetenz, Sach- und Methodenkompetenz sowie sozialkommunikativer Kompetenz. Es käme nun darauf an, diese 4 Kompetenzen zu einem Ausgleich zu bringen, so die Autoren. Das nächste Einzelkapitel ist überschrieben mit:

2. Die eigene Rolle im System klären. Man sollte wissen, was ein System ist, dass die Schule ein solches ist, bestehend aus allen dort Tätigen, dass Systemstrukturen komplex sind, woraus sich für den Einzelnen unterschiedlich auszufüllende Rollen ergeben, z.B. hinsichtlich der Kommunikation mit der Schulbehörde, der Leitung, den Eltern und Kollegen und Schülern. Entsprechend müsste die Lehrkraft zur Profi-Rollenspielerin in einer Weise werden, dass „Ihre Performance mit Ihrem Selbstbild übereinstimmt“ (S. 28).

3. Lehrerrolle klären, z.B. hinsichtlich der Rollenerwartungen zum Unterrichten, Erziehen, Beraten (= vom Ratsuchenden her denken) und Zusammenarbeiten.

4. Schüler erziehen, was in chaotischen Klassen schwer werden kann, aber Erziehung tut not, weil Lehrer immer mehr und Eltern immer weniger Zeit mit den Kindern verbringen. Drei Erziehungsfehler werden thematisiert: falsche Partnerschaft mit Schülern eingehen, Abhängigkeiten von Kindern schaffen, eine Symbiose eingehen (= alles entschuldigen).

5. Aufsicht führen als das Erfüllen von Dienstpflichten. Dazu gehört, Präsenz zu zeigen, pünktlich zur Stelle zu sein, wachsam zu sein, die eigene Präsenz fühlen zu lassen, jedoch nicht Angst und Schrecken zu verbreiten.

6. Datenschutz beachten, also Identitätsdiebstahl entgegenwirken, keinen Schüler an den Pranger zu stellen, personenbezogene Daten nur mit Einverständnis herauszugeben, Datensätze später zu vernichten, Mitteilung über Leistungsnoten nur einzeln machen. Fallstricke durch die neuen Medien vermeiden

7. Sich selbst managen mit dem Ziel, v.a. die knapp bemessene Zeit in den Griff zu bekommen und den eigenen erlebten Stress zu reduzieren durch die Schaffung von Entspannungszonen.

8. Klassenlehrer sein im Sinne des Gestaltens des Klassenlebens, wozu diese Aufgabenstichwörter gehören: Unterricht, Raumgestaltung, Regelinventar, Streitschlichter, Klassenbuch, Ämterverteilung, Wandertage, Verwaltungsaufgaben, Elternsprechtage und -abende, Konferenzen.

9. Im Unterricht selbstbewusst auftreten mit den zwei Ebenen der Selbstvergewisserung und des Selbstvertrauens.

10. Unterricht langfristig planen heißt, kein sog. „Schwellendidaktiker“ zu sein, sondern sich langfristig vorzubereiten.

11. Regeln und Rituale einführen gehöre zum Unterrichtsmanagement, aber Regeln nicht gegen den Widerstand der Schüler einführen, sondern mit ihnen, um damit die Verantwortung für Regeleinhaltung an Schüler zu delegieren.

12. Unterrichtseinstiege gestalten, denn der Ersteindruck ist auch für Schüler oft entscheidend. Diese „Gelenkstelle“ hat auch Disziplinierungsfunktionen, schafft eine Lernatmosphäre, fokussiert die Aufmerksamkeit auf die Sache, aktiviert, macht neugierig.

13. Schüler zum Denken und Urteilen bringen, denn Erziehung sei auch der Einbezug ins Denken.

14. Schüler herausfordern heißt, sie weder zu überfordern noch zu unterfordern, – durch Nachfragen, Akzentsetzungen, Problematisierungen.

15. Gerecht benoten, wobei eine diagnostische Kompetenz zum Einsatz kommt; drei Bezugsnormen sind zu berücksichtigen. Benotungen haben unterschiedliche Funktionen wie Feedback, Rechtssicherheit, Sozialisation, Motivation, Zuweisung, Disziplinierung. Letztlich sollen die Schüler in die Lage versetzt werden, den eigenen Lernprozess zu steuern und zu überwachen.

16. Copyright beachten, denn nur 10%, höchstens 20 Seiten eines Buches dürfen nur einmal im Jahr aus einem Werk kopiert werden.

17. Unterrichtsgespräche moderieren, um ein Palaver über alle möglichen Einfälle zu vermeiden.

18. Rückmeldung geben, nicht als Kritik, sondern als sachbezogenes Angebot zur Selbstreflexion, sollte objektiv, konkret, kurz und knackig sein.

19. Bei Lernschwächen beraten, wenn Fach- und Methodenkompetenz beim Schüler kaum vorhanden sind. Den Schüler dabei Selbstwirksamkeit erfahren lassen.

20. Loben und ermutigen, und zwar kurz, knackig, sachlich, ehrlich (nicht floskelhaft), personenorientiert (anschauen, zuwenden), kongruent (verbal und nonverbal zusammen passend), konkret, aber nicht überdreht und übertrieben.

21. Im Team arbeiten betrifft allgemein die Kooperation, wobei Konfliktfreiheit natürlich nicht gewährleistet ist.

22. Eltern informieren im Sinne einer Beratungs-, nicht Belehrungssituation.

23. Small Talk als wichtige soziale Basiskompetenz, die insbesondere mit Kollegen zu pflegen ist.

Es bleibt die Frage, ob dieses Buch nun wie versprochen handfeste Anregungen für den Schulalltag bietet. Die Antwort wäre kein uneingeschränktes Ja, denn einerseits werden durchaus handfeste Tipps zum Handeln und Reflektieren gegeben; andererseits rutschen manche Ausführungen ins fast Triviale ab, ganz abgesehen davon, dass die Inhaltsstruktur – s.o.: 1–23 – an vielen Stellen geradezu assoziativ zusammengewürfelt erscheint. Man hätte sich vielleicht eine klarere Gliederungsstruktur gewünscht. Insgesamt jedoch handelt es sich um ein Praxisbuch, aus dem sich für Viele viel lernen lässt.

Herbert Goetze, Schönwalde


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aktualisiert am
07.10.2015