Heilpädagogische Forschung

Rezension Heft 3 Jahrgang 2013

Bober, Allmuth (2012). Wie wirkt die körperliche Stütze während der Gestützten Kommunikation? Analyse des Forschungsstands und Ableitung weiterführender Forschungsfragen. Saarbrücken: Südwestdeutscher Verlag für Hochschulschriften, 266 Seiten, 98,00 €

Auch abrufbar unter Bober, A. (2010). Zur Wirkungsweise der körperlichen Stütze während der Gestützten Kommunikation (FC). Analyse des Forschungsstands und Ableitung weiterführender Forschungsfragen, Dissertation, Universität zu Köln. Website der Universität zu Köln: Kölner UniversitätsPublikationsServer

Um die FC (Facilitated Communication – Gestützte Kommunikation) ist es in letzter Zeit stiller geworden. In den allgemeinen Medien, wo vor allem Birger Sellin mit dem gemeinsam mit seiner Mutter erstellten Buch „Ich will kein Inmich mehr sein“ einst hohe Wellen geschlagen hat, taucht das Thema kaum noch auf. Die Kontroversen in der Fachwelt um die Frage: „Wem sind FC-Äußerungen zuzuschreiben, Stützer oder gestützt Schreibendem?“ und in der Sozialpolitik, betreffend die Frage der Finanzierung von FC-Stützern, sind abgeebbt. In den meisten Einrichtungen spielt FC überhaupt keine Rolle und die Verantwortlichen geben sich mit dem üblichen Repertoire der Unterstützten Kommunikation zufrieden.

Andernorts gehört FC inzwischen zum Standardangebot, und die dort Beteiligten sind davon überzeugt, damit gültige Aussagen der gestützt Kommunizierenden zu erhalten. Dem Argument der Stützersteuerung, deren Vorkommen nicht grundsätzlich abgestritten wird, begegnet man mit dem Verweis auf sorgfältige Ausbildung und selbstkritischen Einsatz der Methode. Doch auf die Frage, wie genau Stützersteuerung ausgeschlossen werden kann, folgt am Ende meist eine Glaubensaussage in dem Sinn, man sei überzeugt davon, dass es sich um authentische Aussagen der gestützt schreibenden Person handelt. Es drängt sich in der Tat gelegentlich der Eindruck auf, als ob sich die FC-Befürworter in einer heilpädagogischen Parallelwelt eingerichtet hätten, in der FC nicht mehr hinterfragt zu werden braucht und die Auseinandersetzung mit Kritik fast in der Art einer Glaubensgemeinschaft aktiv vermieden wird

Allmuth Bober ist das Verdienst zuzuschreiben, sich stets konsequent einer Ideologisierung der Frage der Stützersteuerung verweigert zu haben. Sie hat sich nie davon abbringen lassen, in streng empirisch-wissenschaftlicher Manier Fragen zu stellen, kaum jemand hat wie sie in derartiger Breite alle verfügbaren Studien zum Thema rezipiert und in größtmöglicher Unvoreingenommenheit kritisch analysiert. Ihrer eigenen Skepsis gegenüber der behaupteten Wirkungsweise von FC bewusst, greift sie wie zur Korrektur die Einwände der Befürworter betont wohlwollend auf und präpariert in konsequenter Sachlichkeit die offen bleibenden Fragen heraus.

So ist es sehr zu begrüßen, dass Allmuth Bober in ihrer 2010 eingereichten Dissertation „Zur Wirkungsweise der körperlichen Stütze während der Gestützten Kommunikation (FC)“ den Forschungsstand zur FC in großer Breite zusammenfasst. Diese Arbeit ist inzwischen in einer überarbeiteten Fassung als Buch erschienen, insbesondere wurde sie um Besprechungen der in den Jahren 2010 und 2011 veröffentlichten Studien zur FC ergänzt.

Die Ausgangslage formuliert Bober wie folgt: „Beide Parteien in der Debatte um die Gestützte Kommunikation (FC) nehmen an, ihre Sichtweise werde durch die derzeitige Befundlage gedeckt. Die meisten Kritiker haben deswegen die Forschung eingestellt, die Verteidiger der Methode bearbeiten seit Jahrzehnten immer wieder die gleichen Fragen.“ (S. 239), ihr Anliegen die Suche nach einem „Weg aus dieser Situation (..), indem die Fixierung auf die Validationsstudien aufgegeben und stattdessen das theoretische Konstrukt FC betrachtet wurde. Dessen Kernannahme lautet, die Stütze erleichtere die Kommunikation der Schreiber. Es wurde analysiert, welche Vorhersagen diese Annahme erlaubt, getrennt nach den Ebenen der Textinhalte, der sprachlichen Merkmale der Texte, der Bewegungen der Schreiber und Stützer während des Stütz­prozesses sowie der Kompetenzen der Schreiber und Stützer. Für jede dieser Analyseebenen wurde überprüft, inwieweit die verfügbare empirische Evidenz zu den Vorhersagen passt.“ (ebd.)

Sie hebt folglich nicht darauf ab, Stützereinfluss zu „beweisen“ oder zu „widerlegen“, sondern es geht ihr in bester kritisch-positivistischer Tradition um die „Analyse des Forschungsstands und Ableitung weiterführender Forschungsfragen“ (Untertitel). Konsequenterweise steht am Ende ihrer Arbeit kein abschließendes Urteil, sondern eine Auf­lis­tung von Fragen, deren Antwort noch offen ist. Gleichwohl lässt sich nicht übersehen, dass sie viele Aspekte zutage fördert, die die Skepsis nähren, FC-generierte Aussagen unkritisch als Äußerungen der gestützt schreibenden Person wahrzunehmen.

Allmuth Bobers Werk hat das Potenzial, die festgefahrene Situation der ideologisch anmutenden Auseinandersetzung aufzulösen und die Diskussion um FC auf ein neues Niveau an Wissenschaftlichkeit zu heben. Deshalb ist ihm eine breite Rezeption zu wünschen, gerade auch auf Seiten der FC-Befürworter. Noch mehr im Sinn der Autorin wäre es, würden zahlreiche Forscher und Forscherinnen die von ihr erarbeiteten Fragen aufgreifen und mit eigenen Folgestudien weitere Mosaiksteine zusammentragen, um eine wissenschaftlich fundierte Gesamtsicht der FC zu befördern, als Dienst der Fachwelt an den gestützt schreibenden Menschen und ihren Stützpersonen wie auch an denen, die von einem wissenschaftlich begründeten Unterstützungsangebot neu profitieren könnten.

Winfried Mall, St. Gallen (Schweiz)


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aktualisiert am
11.03.2015