Heilpädagogische Forschung

Rezension Heft 1 Jahrgang 2011

Matthes, Gerald (2009). Individuelle Lernförderung bei Lernstörungen –Verknüpfung von Diagnostik, Förderplanung und Unterstützung des Lernens. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer. 264 S., Kt. 26,00.

Gerald Matthes hat mit seinem Werk einen breiten Überblick über Möglichkeiten der individuellen Lernförderung vorgelegt. Im einleitenden Kapitel werden Definition, Klassifikation und Verbreitung von Lernstörungen abgearbeitet. Ich persönlich bin bei der Aufarbeitung des Phänomens Verhaltensstörung ähnlichen Dilemmata begegnet, vieles bleibt angesichts der unbefriedigenden Erkenntnislage noch offen, manche Zahlenangaben muten geradezu willkürlich an – was dem Autor natürlich nicht zur Last gelegt werden kann. Das sich anschließende Unterkapitel hat Handlungs- und Komponentenmodelle zum Inhalt und rekurriert dabei auf Autoritäten wie Lauth und Klix. Metakognition, Kausalattribution und Selbstregulation werden knapp, aber gut verständlich auf den Punkt gebracht.

Die Verursachungen von Lernstörungen erscheinen verständlicherweise äußerst komplex, jedoch werden sie nachvollziehbar mit Abbildungen und Beispielen zur Darstellung gebracht. Der Vergleich zwischen lerngestörten und nicht-lerngestörten Kindern mündet nicht in einer Defizit-Perspektive, sondern lässt die Förderziele erahnen, die an späterer Stelle ausführlich erörtert werden.

Der Verfestigung von Lernstörungen ist der nächste Abschnitt gewidmet. Der Autor zeigt auf, dass die entsprechende Dynamik schon früh einsetzen kann, sich im Schulalter fortsetzt und in einer Entmutigungsspirale in pädagogisch in einer festgefahrenen Situation münden kann.
Der 2. Buchteil ist mit „Lern- und lehrpsychologische Grundlagen der individuellen Lernförderung“ überschrieben und betrifft handlungspsychologische Aspekte des Lernens, z. B. im Sinne Wygotskis („Zonen der aktuellen und nächsten Entwicklung“) und Galperins (mit vier Ebenen) sowie weitere Grundlagen nach Krapp, Mietzel, Wember, Brack, Bruner u. a., womit also die wichtigsten Vertreter der aktuellen Lernpsychologie berücksichtigt und eingearbeitet sind.

Mit „Wirkfaktoren und Rahmenbedingungen der Förderung“ ist der dritte Buchteil tituliert; hier wird der Frage nachgegangen, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Lerntherapie wirksam werden kann. Dazu verweist der Autor auf ein eigenes Projekt, bei dem Verbesserungen des Zielsetzungsverhaltens, des Orientierungs- und Planungsverhaltens, Verbesserungen im Sinne einer Ermutigung und Verbesserungen der kognitiven und Rechtschreibleistungen erreicht werden konnten. Zu den entscheidenden Wirkfaktoren zählen das Wecken von Hoffnung und ermutigendes Beziehungsangebot, ein langfristig angelegtes individuelles Programm, Aneignung hilfreicher Strategien, Entwicklung individuell adä­quater Lernziele, domänenspezifische Inhalte und schulorganisatorische / struk­turelle Voraussetzungen. Der Herstellung der schulischen Rahmenbedingungen ist ein eigenes Unterkapitel gewidmet, wozu Lehrerkompetenzen, Kooperation, räumliche und materielle Ressourcen, Unterstützung durch Schulleitungen und benachbarte Einrichtungen wie Kindergärten und Erziehungsberatung gehören.

Das „Prozessmodell der individuellen Förderung“ in Kapitel 4 betrifft zunächst Fragen und Probleme der sog. Förderdiagnostik, die in den letzten Jahrzehnten in der Fachwelt kontrovers diskutiert worden ist. Matthes findet einen Kompromiss mit einem vierstufigen förderdiagnostischen Vorgehen: Orientierung über die Ausgangslage, Planung von Förderzielen und Maßnahmen, förderdiagnostische Unterstützung und Sondierung der Lern- und Lebenssituation und Synthese hinsichtlich des Förderbedarfs; es folgen ein einleuchtendes Beispiel und Informationen über die Evaluation des vorgestellten Prozessmodells. Die dann folgenden Kapitel sind den genannten vier Strategien gewidmet, es finden sich interessante Detailinformationen, die hier aufzuführen zu weit führen würde. Diese Kapitel stellen gewissermaßen den Kern der Lerntherapie dar und zeichnen sich einerseits durch anspruchsvolle theoretische Fundierungen, andererseits durch die gedankliche Umsetzung in die Praxis aus, so dass man hier von einer gelungenen Verklammerung zwischen Theorie und Praxis sprechen kann. Drei ausführliche Falldarstellungen runden das Buch ab. Hervorzuheben ist der Anhang mit einer ausführlichen Darstellung der förderdiagnostischen Kriterien, wie diese zuvor abgeleitet worden sind. Vermutlich wird dieser Teil für Praktiker von besonderem Interesse sein, wird ihnen damit ein Instrument an die Hand gegeben, das sich unmittelbar für die Erhebung von Förderbedarfen einsetzen lässt.

Um ein Resümee zu ziehen: Das Werk von Gerald Matthes hat anspruchsvolle theoretische Begründungen einer Lerntherapie sowie Ableitungen für die konkrete förderdiagnostische Praxis zum Inhalt. Insbesondere Praktiker werden davon profitieren, die nach fachwissenschaftlichen Fundierungen für ihre mühevolle Arbeit suchen.

Herbert Goetze (Indiana)


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aktualisiert
am 07.04.2013