Heilpädagogische Forschung
 

Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 1999

 

Der bevorstehende Jahreswechsel gibt zu mancherlei überlegungen Anlass, die sich auf die Vergangenheit und auf die Zukunft richten. Dieses Editorial ist jedoch nicht der rechte Ort, eine Jahr hunderte alte Tradition der Behindertenpädagogik Revue passieren zu lassen und weiträumige Perspektiven zu entwickeln. Ich möchte dieses Editorial dennoch dazu nutzen, rückblickend einige Aspekte der Behindertenpädagogik und der mit ihr befassten Forschung anzusprechen und Konsequenzen für die Zukunft abzuleiten.

Der Begriff der „Wende" bzw. „Wendezeit" erscheint mir zwar als etwas fade und abgestanden, dennoch scheint er auf die gegenwärtige Situation der Behindertenpädagogik zu passen, da sie vor einschneidenden änderungen steht, die möglicherweise ihre gesamte Existenz in Frage stellen könnten. Hatten wir uns in den siebziger Jahren noch auf sicherem Terrain gewähnt, auf dem sich Euphorismen leichtfertig entwickeln ließen, so zeigten sich bald auch Gegenbewegungen aus unterschiedlichen Richtungen und Beweggründen, die Unternehmung „Behindertenpädagogik" gänzlich in Frage zu stellen. Offensichtlich hatten vierzig Jahre Nachkriegsentwicklung unseres Faches nicht ausgereicht, zu unhinterfragbaren Qualitätsstandards einer Sonderpädagogik zu kommen, der Sozialpolitik, Ressourcenverknappung und Frontalangriffe nichts mehr anhaben konnten, nein: Was wir für Selbstverständlichkeiten in Versorgung, Bildung und Forschung unserer Zielgruppen gehalten hatten, war mit einem Mal nicht mehr selbstverständlich; auf vielen Ebenen wurden uns Kompromisse aufgenötigt, die wir zu schließen vorher nie bereit gewesen wären. Fast – so will es mir scheinen – sind wir in einen Erstarrungszustand verfallen, aus dem heraus rationale Problemlösungen kaum noch möglich sind. Wer hätte es für möglich gehalten, dass die Linderung der Not Behinderter von der Kassenlage abhängig gemacht wird?

Wer hätte vor kurzer Zeit daran gedacht, dass überlegungen, die Lehrerausbildung – und damit auch die Sonderlehrerausbildung – zu ent-akademisieren, konkrete Gestalt annehmen?

Wer hätte schon daran gedacht, dass die Schraube der Entwicklung des Behindertenwesens einmal zurück gedreht und dies auch noch als „Fortschritt" verkauft werden würde?

Die Behindertenpädagogik steht unter einem starken Druck, die Qualität ihrer Arbeitsweisen überzeugend unter Beweis stellen zu müssen. Wie in anderen Bereichen unseres Gesellschaftssystems steht die Konkurrenz schon startbereit, die Aufgaben „besser und billiger" zu übernehmen. Auch unter solchen Vorzeichen kann es geschehen, dass die Behindertenpädagogik in Beweisnot kommt, die Güte ihrer Leistungen zu belegen. Zu viele Beispiele einer verfehlten Kultur der Besetzung von Positionen an Hochschulen und der Verschriftlichung vermeintlich wissenschaftlicher Erkenntnisse haben sich angehäuft, als dass sich Kritiker beruhigen und Gegner geschlagen geben könnten.

Die Situation wird auch dadurch nicht aufgewertet, dass maßgebliche Forschung in unserem Fach nicht von Sonderpädagogen, sondern von Psychologen, Medizinern, Soziologen geleistet wird, die früher als „Hilfswissenschaftler" für die Sonderpädagogik etikettiert worden sind. In meiner nunmehr zehnjährigen Herausgebertätigkeit musste ich entsprechende Erfahrungen machen, dass die von den „Hilfswissenschaftlern" eingereichten Manuskripte einen vergleichsweise höheren Qualifikationsstandard aufwiesen. Ich beneide da meine amerikanischen Herausgeberkollegen etwas, die aus einer Fülle hochwertiger Manuskripte schöpfen und manches in der Versenkung verschwinden lassen können, was hierzulande noch als publikationswürdig akzeptiert wird – oder umgekehrt: Kaum eines der hier zur Veröffentlichung eingereichten Manuskripte würde dort akzeptiert.

Mit der im kommenden Jahrhundert bevorstehende globalen öffnung der Märkte wird der Qualitäts- und Konkurrenzdruck vermutlich noch schärfer, denn wir werden uns den international üblichen Standards zu unterwerfen haben, und im internationalen Vergleich schneidet die deutschsprachige Sonderpädagogik nun einmal nicht besonders gut ab, wenn man die üblichen Kriterien (wie den Social Science Citation Index) anlegt.

Wie immer man diese bevorstehenden Entwicklungen bewerten mag, wir werden uns ihnen nicht in den Weg stellen können, wir werden vielmehr lernen müssen, mit ihnen zurechtzukommen. Ich selbst muss allerdings bekennen, dass ich diesem bevorstehenden Trend nicht mit Sorge, sondern eher mit Gelassenheit entgegensehe. Ich vermute, diese Entwicklungen werden eher der Qualitätssteigerung als der Qualitätsminderung dienen und mittelfristig „die Spreu vom Weizen" trennen.

Man darf sich allerdings heute schon fragen, was aus den uns lieb gewordenen westeuropäischen Denktraditionen der Behindertenpädagogik werden wird, ob sie untergehen oder überleben werden. Ich vermute: Vieles, was sich fachwissenschaftlich an Aussagen nicht halten lässt, wird schlicht von der Bildfläche verschwinden. Anderes wird mit Sicherheit Bestand haben, was sich an den internationalen Regeln wissenschaftlichen Vorgehens orientiert und auf den zu erwartenden Trend des massiven Technologie-Einbezugs eingerichtet hat. überleben werden solche Ansätze, die sich nicht der Propaganda abgehobener Absichtserklärungen und Zielvorstellungen anheim gegeben haben, sondern deren wissenschaftlich kontrollierte, konkrete Umsetzung im Sinne einer technologieunterstützten sonderpädagogischen Interventionsforschung mit ihren Voraussetzungen auf die Fahnen geschrieben haben.

Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG wird sich diesen Zielsetzungen weiter öffnen und beständig daran mitwirken, eine zukunftsweisende Publikationspolitik zu realisieren. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen weiterhin eine anregende wissenschaftliche Lektüre, die Ihnen diese Fachzeitschrift auch in den auf uns unweigerlich zukommenden Zeiten bieten wird.

Ihr

Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 30.01.2003