Heilpädagogische Forschung
 
Differenztheoretische versus entwicklungstheoretische Ansätze zur Erklärung der geistigen Behinderung: Neue Erkenntnisse zu einer alten Debatte
aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 2 1999
von Pasqualina Perrig-Chiello

 

In diesem Beitrag geht es vor allem darum, aufzuzeigen, dass den Konzepten "behindert" bzw. "retardiert" dichotome Paradigmen zugrundeliegen, welche weitreichende wissenschaftliche und praktische Implikationen haben. Differenztheoretische Ansätze, wonach die Kognition Geistigbehinderter qualitativ anders ist als diejenige Nichtbehinderter, wurden in den letzten Dekaden zunehmend von entwicklungstheoretischen Paradigmen verdrängt. Letztere gehen davon aus, dass Geistigbehinderte ähnliche - wenn auch zeitlich verzögerte - Entwicklungsverläufe zeigen wie "Normale". Nach einem kurzen historischen Rückblick über die Erforschung der geistigen Behinderung sowie ein paar notwendigen terminologischen Vorbemerkungen werden die beiden konträren Positionen auf ihre empirische Stichhaltigkeit und praktische Implikation hin überprüft. Des weiteren werden neue Erkenntnisse auf dem Gebiet der Informationsverarbeitung Geistigbehinderter dargestellt, welche die empirische Evidenz entwicklungsorientierter Ansätze relativieren und ergänzen.

Schlüsselwörter: Geistige Behinderung, geistige Retardierung, Differenztheorien, Entwicklungstheorien, individuelle Differenzen, Informationverarbeitung

The difference theory versus the developmental theory in explaining mental handicaps: New insights on an old debate.

The purpose of this paper is to show that the concepts "mental handicap" and "mental retardation" represent two dichotomous paradigms with wide-ranging scientific and practical implications. Difference theorists argue that the cognition of the mentally handicapped is qualitatively different from that of the non-handicapped. This approach has been increasingly superseded by the developmental approach, which assumes that mentally retarded individuals obey similar - although delayed - laws of development and learning as "normal" individuals. After a short historical overview of the research on mental retardation, and after some clarification of terminology, both theoretical positions are examined with respect to their empirical support and practical implications. The author suggests a new synthesis in light of recent insights in the field of information processing theory.

Key words: mental retardation, mental handicap, difference theories, developmental approach, individual differences, information processing.

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zum Editorial 3 1999

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aktualisiert am 30.01.2003