Heilpädagogische Forschung
 
Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 2 1999

In memoriam: Heinz Neukäter
- Persönliche Abschiedsworte -
von Herbert Goetze

Der Leserschaft der Heilpädagogischen Forschung ist ein Verlust zu vermelden, der mich tief betroffen hat: Prof. Dr. Heinz Neukäter, unser Kollege, Freund und Beirat der Heilpädagogischen Forschung, ist am 26. März 1999 von uns gegangen. Mit großer Geduld hat er die todbringende Krankheit ertragen, von der ich unserer Leserschaft bereits in einem Editorial berichtet hatte; nach einer kurzen Zeit der Stabilisierung, die er mit bewußtem Abschiednehmen auszufüllen verstand, hat die Krankeit schließlich mit so großer Wucht zugeschlagen, daß seine Kräfte nicht mehr ausreichten, gegen sie anzukämpfen, obwohl er doch noch so viele Pläne verwirklichen wollte.

Wie kaum der Tod eines anderen Menschen läßt der Tod meines Freundes und akademischen Weggefährten Heinz Neukäter ein Gefühl des Zurückgelassenseins aufkommen; zu viele Erinnerungen an drangvolle Lehrjahre, an bedeutsame private und berufliche Erfahrungen, an schmerzhafte Niederlagen und gemeisterte Krisen, mit einem Wort: an gelebtes Leben, drängen sich auf, als daß mir ein distanzierterer Abschied möglich wäre; neun prägende Dortmunder Jahre führten den einen von uns immer auch an den Ort, an dem sich der andere gerade befand, ob es sich um ein nicht-direktiv geführtes Seminar an der Hochschule, um gemeinsame Trainingsveranstaltungen in anderen Bundesländern, um unsere Vortragsveranstaltungen in den USA, Spanien oder Schottland oder um Forschungsvorhaben handelte: Unverwechselbar wie ein Markenzeichen traten wir als Mitglieder eines Duos auf, denen das Publikum häufig genug den Namen des jeweils anderen zuordnete. Das Geheimnis unserer Zusammenarbeit läßt sich rückschauend auf vier Seiten seines Wesens - früher hätte man von Tugenden gesprochen - zurückführen: Festigkeit des eigenen Standpunktes, Achtung vor der Person des anderen, Kompromißfähigkeit und Bescheidenheit. Nur dadurch konnte es ihm im Nachgang zu den siebziger Jahren gelingen, eine extrem kritische Studentenschaft von den Vorzügen der Verhaltensmodifikation zu überzeugen, allerdings getragen von einem humanistisch orientierten Erziehungsideal, das eine rein technologische Sicht obsolet machte; denn sein menschliches und wissenschaftliches Anliegen galt stets den Menschen, die unter Unterdrückung, Ausgrenzung, Unterprivilegierung leiden, unter Erfahrungen, die ihm selbst nicht erspart geblieben sind, die ihn jedoch nicht verhärteten, sondern besonders sensibel für schwere Lebenslagen machten; für solche Personen setzte er sich ideell, aber auch ganz konkret materiell ein.

"Das waren gute Dortmunder Jahre", flüsterte er mir auf dem Krankenbett zu, das Gesicht abgewandt, um - noch immer Rücksicht nehmend - die Tränen zu verbergen.

Das Leben hat uns diesen Traum nicht erfüllt, die guten Jahre an anderer Stelle fortzusetzen, und so führten wir getrennt fort, was wir gemeinsam begonnen hatten, ohne allerdings den produktiven Arbeitskontakt je aufzugeben. Mit Freude denke ich an zwei gemeinsame Unternehmungen zurück, die uns viel Kraft kosteten, aber die wir schließlich erfolgreich meisterten: die gemeinsame Herausgabe des Handbuches der Sonderpädagogik 'Pädagogik bei Verhaltensstörungen', sowie die gemeinsame Herausgabe der Vierteljahreszeitschrift 'Sonderpädagogik' über einen Zeitraum von sieben Jahren. Beide Erfolge wären ohne seinen unermüdlichen, nächtelangen Einsatz nicht denkbar gewesen.

Nach der Dortmunder Zeit setzte Heinz Neukäter seine beispielhafte berufliche Karriere an der Universität Oldenburg fort, die erst jetzt so unerwartet zu einem Ende kommen sollte. In diese Zeit fielen seine herausragenden wissenschaftlichen Tätigkeiten in Form einer vorbildlichen akademischen Lehre, einer international anerkannten Forschungstätigkeit, einer unermüdlichen Gremienarbeit und schließlich einer fantastischen Gestaltung von großvolumigen, überregionalen Fachkongressen.

Mit Heinz Neukäter verliert die deutsche Sonderpädagogik eine herausragende Persönlichkeit, mit ihm verliert die Verhaltensgestörtenpädagogik jedoch ihren profiliertesten Vertreter. Er hinterläßt eine Lücke und eine Leere, die bei mir das Gefühl des Zurückgelassenseins aufkommen läßt. So schmerzhaft sein Verlust für uns ist, wir werden es lernen müssen, ohne seinen Rat und seine tatkräftige Unterstützung, auch bei der Herausgabe der Heilpädagogischen Forschung, auszukommen.

 

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aktualisiert am 30.01.2003