Heilpädagogische Forschung
 

Editorial Nr. 4 1997
Von Herbert Goetze

 

Das Jahr 1997 ist zu Ende gegangen und hat uns allen Neues, Aufregendes, Problematisches und Hoffnungsvolles gebracht. Gleiches läßt sich über die Entwicklung der Heilpädagogischen Forschung sagen. Mit diesem, Ihnen nun vorliegenden Heft 4 des (immerhin!) 23. Jahrganges der Heilpädagogischen Forschung ist das erste Jahr unter der neuen Herausgeberschaft abgeschlossen, und Sie werden zurecht vermuten, daß es erheblicher Anstrengungen bedurft hat, in relativ kurzer Zeit zu diesem Jahresabschluß zu kommen. Daran waren engagierte Kolleginnen und Kollegen beteiligt, die in selbstloser Weise zum Erfolg entscheidend beigetragen haben, zu nennen wären mindestens der Redaktionsbeirat, unsere Lay-Outerin und natürlich die Autorinnen und Autoren, die sich auf unbequeme änderungswünsche und solche Eigentümlichkeiten wie die „Hochschuldidaktische Seite" ohne Murren eingelassen haben.

Auf der Basis der Leistung des Jahres 1997 kann die Heilpädagogische Forschung relativ gelassen auf das Neue Jahr 1998 blicken, ohne daß allerdings Muße zu erwarten wäre. So wie das Jahr 1997 für die universitäre Behindertenpädagogik mit den studentischen Streikaktionen relativ stürmisch ausgegangen ist, so werden wir vermutlich auch ins Neue Jahr gehen; zu Vieles so will es scheinen  ist politisch versäumt, zurückgefahren und ignoriert worden, als daß wir mit ruhigeren Zeiten rechnen dürften; vielleicht gibt es einige Wochen der Ruhe vor dem nächsten Sturm? Mir will scheinen, daß in Zukunft weniger Energien für „Grabenkämpfe" in der Sonderpädagogik frei sein werden, daß wir vielmehr unsere Ressourcen zu aktivieren haben, um der großen Kampfansage an die Behindertenpädagogik Paroli zu bieten, eine Kampfansage, die auf die Absage jeder Behindertenpädagogik auf breiter Front abzuzielen scheint, auf deren Fahnen „unnütz, teuer, überflüssig" steht. Wachsamkeit und Proaktivität im Denken und Handeln sind angezeigt, um die wissenschaftliche Behindertenpädagogik fortzuentwickeln.

Die Heilpädagogische Forschung als eines der wichtigsten sonderpädagogischen Periodika wird  wie in der Vergangenheit aus wissenschaftlicher Sicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten, die naturgemäß lediglich publizistischer Natur sind, mithelfen, die Gegner aufgrund der hier dokumentierten Forschungsarbeiten vom berechtigten Anliegen der Heilpädagogik zu überzeugen. Dazu wird es mehr und mehr notwendig werden, die wissenschaftspublizistischen Mittel noch weiter auszuschöpfen, um auf nationaler und internationaler Ebene noch deutlicher zu Gehör (bzw. zu Gesicht) zu kommen.

Die aufmerksame Leserschaft wird bemerkt haben, daß wir bereits Schritte in Richtung Globalisierung unternommen haben, indem Arbeiten aus dem anglo-amerikanischen Bereich aufgenommen worden sind. Auch in diesem Heft werden Sie eine ausländische empirische Studie vorfinden, dieses Mal aus dem europäischen Ausland. Solche Arbeiten in einem deutschsprachigen Wissenschaftsperiodikum abzudrucken, ist nicht immer ganz unproblematisch, denn wichtige Hintergrundinformationen des betreffenden Landes, die den Text eigentlich erst verständlich machen, müssen zwangsläufig unter den Tisch fallen. Dieser Mangel traf auf die ein-bezogenen anglo-amerikanischen Beiträge zu, und Sie werden ihm auch in diesem Heft ausgesetzt sein, wenn ein polnischer Kollege von einer Untersuchung des Sicherheitsgefühls bei polnischen Delinquenten berichtet. Vielleicht werden Sie durch die verwendete Terminologie irritiert sein, die wir in der übersetzung nur teilweise anpassen konnten; vielleicht werden Sie etwas über das

Anliegen, die Durchführungs- und Auswertungsmodalitäten verwundert sein. Wir glauben, daß uns der Blick über den allzu eigenen, engen „Bretterzaun" gut täte, und daß wir mehr von dem zur Kenntnis nehmen sollten, was jenseits der Grenzen geforscht wird.

Für 1998 wollen wir weitere Schritte in Richtung Globalisierung andenken und bitten Sie, liebe Leserinnen und Leser der Heilpädagogischen Forschung, um Ihre Meinung dazu.

Wir haben geplant, auch englischsprachige Beiträge aufzunehmen, was Ihre Bereitschaft, liebe Leserin und lieber Leser, auch diese zu studieren, voraussetzt. Der Vorteil, solche Studien in fremder Sprache hier abzudrucken, liegt nicht so sehr im Verzicht auf die übersetzungsmühe, die wir im Prinzip eigentlich gern auf uns nehmen. Von Vorteil wäre vielmehr, daß US-amerikanische Autoren sich direkt in ihrem Idiom ausdrücken können, welches auf Leserseite ein Gefühl für die doch etwas anderen Standards der sonderpädagogischen Wissenschaftspraxis auf der anderen Seite des Ozeans auslösen könnte, was eine geglättete übersetzung vermutlich nivellieren würde. Ein weiterer Vorteil wäre die öffnung unserer Zeitschrift für Arbeiten des west- und nordeuropäischen Raumes, wo man sich noch nie gescheut hat, auch in englischer Sprache zu publizieren. Die Heilpädagogische Forschung würde damit an internationalem Gewicht gewinnen wenn die Leserschaft dies mitträgt.

Für 1998 wünschen wir uns von Ihnen Ihre Unterstützung bei allen notwendig werdenden Neuerungen, und natürlich vor allem Ihr weiterhin kritisches Leseinteresse,

Ihr Herbert Goetze.

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aktualisiert am 30.01.2003