Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 2014

Liebe Leserin, lieber Leser
der Heilpädagogischen Forschung,

ein weiteres Jahr geht seinem Ende entgegen und man mag sich fragen, welche Fortschritte es für die Sonder-/Förderpädagogik und Inklusionspädagogik gebracht hat. Bei der vorhandenen Heterogenität der Ansichten und Erfahrungen ist es derzeit schwer, einen Überblick zu gewinnen, aber immer mehr kristallisiert sich heraus, dass viele der ehemals der Sonderpädagogik zugewiesenen Zielgruppen mit Engagement der Lehrkräfte und Bereitstellung der notwendigen Ressourcen in Inklusionsklassen erfolgreich unterrichtet werden können. Es wird aber auch immer deutlicher, dass Kinder mit schwersten und mehrfachen Behinderungen und mit psychiatrisch relevanten Diagnosen den positiv intendierten Bemühungen um eine Vollinklusion entgegen stehen, man kann geradezu davon sprechen, dass Gefährdungen für sie selbst und für andere entstehen können, wenn in naiver Weise Ausgangslage und Bedingungshintergründe dieser Zielgruppen aus dem Blickfeld geraten.

Dass es gilt, die besonderen Bedingungen zu berücksichtigen, wird bereits aus dem ersten Forschungsbeitrag deutlich, in welchem Robert Vrban, Tobias Wagner und Manfred Hintermair ihre Forschungsergebnisse über den Zusammenhang zwischen exekutiven Funktionen und kommunikativen Kompetenzen bei sozial-emotionalen Auffälligkeiten vorlegen. Wie sich zeigen wird, ist eine gezielte Förderung emotionsregulierender und handlungssteuernder Kompetenzen sowie von Fähigkeiten bei der Planung und Überwachung von Handlungen für die untersuchte Gruppe von besonderer Bedeutung.

Unser zweiter Forschungsbeitrag befasst sich mit Lesekompetenz und Sprachkompetenz; Jürgen Walter geht darin der Frage nach, ob diagnostische Befunde aus Lesetests zur Risiko-Abschätzung von Sprachentwicklungsstörungen in der Grundschule herangezogen werden können, denn dann wären ja Befunde von Lesetests, die häufig als Gruppentests durchgeführt werden, auch als Informationsgrundlage für die Sprachentwicklung eines Kindes zu verwenden. Ohne an dieser Stelle schon die Ergebnisse vorwegzunehmen, möchte ich darauf hinweisen, dass der Autor am Schluss einen Risiko-Kalkulator (ein Software-Tool) sowie dessen Handhabung vorstellt.

„Leseunterricht in der Grundschule – Wer profitiert wirklich vom LARS-Leseförderprogramm?“ haben Susanne Schwab, Susanne Seifert und Barbara Gasteiger-Klicpera ihren Beitrag tituliert; Ziel ihrer Studie war es, mithilfe ausgesuchter Schülermerkmale Lernfortschritte beim Leseverständnis vorherzusagen. Lassen Sie sich von den Ergebnissen überraschen und eine Antwort auf die Frage finden, ob denn die Schülergruppen, für die das Programm konzipiert war, tatsächlich im erwarteten Ausmaß profitiert haben.

Lassen Sie mich schließlich auf die Berichtsseite der letzten Ausgabe zurück verweisen, in der ein ISAAC Statement zum Einsatz der sog. Gestützten Kommunikation abgedruckt war. Unter Verwendung der Internet-Adresse http://informahealthcare.com/doi/full/10.3109/07434618.2014.971492 ist es möglich, dieses Positionspapier herunterzuladen. Eine weitere Adresse ist in diesem Zusammenhang von besonderer Relevanz: http:// informahealthcare.com/doi/pdf/10.3109/07434618.2014.971490. Offen zugänglich ist hier aus der Zeitschrift Augmentative and Alternative Communication (2014; 30(4), 359368) der Beitrag Facilitated Communication and Authorship: A Systematic Review. Das Autorenteam kommt nach Sichtung und Untersuchung der ihm erreichbaren Studien zu dem eindeutigen Ergebnis: „… this literature provided robust evidence that FC is not a valid technique.“ Wer angesichts dieser klaren Ergebnisse die Gestützte Kommunikation weiterhin als fundiert propagiert und unter Verwendung aufwändiger personeller und sächlicher Ressourcen umsetzt, sieht sich von nun an einem starken Erklärungsdruck ausgesetzt, eine Intervention umzusetzen, die fachwissenschaftlich ad acta gelegt ist.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre,

Ihr
Herbert Goetze

zur Übersicht des Jahrgangs 2014
pic/blindgelb.gif (103 Byte)
zurück zum Kopf der Seite
aktualisiert
am 11.03.2015