Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 1 2014

Liebe Leserin, lieber Leser
der Heilpädagogischen Forschung,

vielleicht haben Sie bereits den kleinen, aber bedeutsamen bibliografischen Hinweis in dieser Ausgabe entdeckt: Die Heilpädagogischen Forschung erscheint in diesem Jahr im 40. Jahrgang! Manche Auguren hätten ein vorzeitiges Ableben der Zeitschrift bereits vor Jahrzehnten für unabwendbar gehalten, nachdem ein mehrmaliger Verleger- und Standortwechsel das weitere Erscheinen fast aussichtslos erscheinen ließ. In der Tat war der Heilpädagogischen Forschung nie ein kommerzieller Erfolg beschieden, im Gegenteil: Die an der Produktion beteiligten Personen arbeit(et)en unter selbstausbeuterischen Bedingungen, um den Fortbestand dieser fachlich anerkannten und im In- und Ausland beachteten Zeitschrift zu sichern. Sicherlich hat zum Erfolg vor allem beigetragen, dass uns solide Arbeiten zugegangen sind, die nach eifriger Peer-Reviewer-Arbeit Ein­gang als Forschungsarbeiten gefunden haben. – Auch in dieser ersten Ausgabe des Jahres 2014 bleiben wir Redakteure unserem Anspruch treu, Sie, die Leserschaft über die unterschiedlichsten Forschungsentwicklungen in der Heil- und Sonderpädagogik auf dem Laufenden zu halten.

An erster Stelle wird Klaus Sarimski seine Forschungsarbeit vorstellen, die den Titel trägt: „Verhaltensauffälligkeiten und exekutive Funktionen bei Kindern mit Fetalem Alkoholsyndrom“. Darin wird dem forschungsbezogen bisher eher vernachlässigten fetalen Alkoholsyndrom (FAS) nachgegangen, das allerdings das häufigste, nicht genetisch bedingte Fehlbildungssyndrom ist. Anhand einer Stichprobe von 41 Pflege- und Adoptiveltern von Kindern mit einem FAS wurden Auffälligkeiten im Verhalten und in den exekutiven Funktionen erkundet. Die Ergebnisse lassen erkennen, dass pädagogisch auf die ermittelten emotionalen Dysregulationen und sozialen Kompetenzdefizite gezielter zuzugehen ist.

Ein anderes Forschungsziel haben Armin Castello und Susanne Hubmann aus Flensburg verfolgt. Es ging ihnen um die Entwicklung und Validierung einer deutschsprachigen Version des „Parental Authority Questionnaire“ (PAQ) zur Erhebung von Erziehungsstilen, denn bisher hatten wir keine deutschsprachige Version dieses wichtigen Diagnoseinstruments, obwohl in vielen Feldern der sonderpädagogischen Praxis mit dem Konstrukt „Erziehungsstil“ umgegangen wird. Mithilfe einer Stichprobe von nicht weniger als 132 Probanden wurde das Instrument faktoren- und itemanalytisch überprüft. Schließlich ergaben sich angemessene innere Konsistenzen; auch Schwierigkeits- und Trennschärfeindizes sowie Retest­Reliabilitäten fielen zufriedenstellend aus. Bedeutsam war zudem, dass die bekannten Erziehungsstilfaktoren „autoritär“, „autoritativ“ und „permissiv“ repliziert werden konnten.

Von Markus Gebhardt, Christine Sälzer und Tobias Tretter wird ein hoch aktuelles Thema aufgegriffen, es geht um die aktuelle Umsetzung des gemeinsamen Unterrichts in Deutschland. Um einen aktuellen Überblick über bundesrepublikanische Tendenzen aufzudecken, hat das Autorenteam Gesetzestexte der Bundesländer gesichtet und ausgewertet und zusätzlich vds-Landesdelegierte befragt. Die Ergebnisse zeigen, dass in allen Bundesländern die Implementierung inklusiver Konzepte stattfindet, dass es allerdings erhebliche Unterschiede in den Modellvorgaben gibt.

Im sich anschließenden Bericht des Schweizer Autorenteams Alexander Wettstein, Marion Scherzinger und Jasmin Meier spielt eine neue Technologie zur Erfassung von Person-Umwelt-Beziehungen die zentrale Rolle. Die Studie orientiert sich theoretisch an den klassischen Arbeiten von Roger Barker, der Person-Umwelt-Beziehungen erstmailg als behavior settings aufgefasst hat. Mithilfe einer neu entwickelten Kamerabrillenmethode wurden die Umwelten von aggressiven Heimjugendlichen und einer Kontrastgruppe erfasst. Die Jugendlichen trugen während dreier ganzer Tage die Kamerabrillen, wodurch das Geschehen aus ihrer jeweiligen räumlich-zeitlichen Perspektive aufgezeichnet wurde. Festzuhalten war, dass die Kamerabrillenmethode eine niedrig reaktive Erfassung sozialer und materieller Umwelten in unterschiedlichen Feldern ermöglicht.

Am Schluss findet sich eine kritische Rezension der Buchveröffentlichung von Marc Willmann, die unter dem provozierenden Titel „De-Psychologisierung und Professionalisierung der Sonderpädagogik. Kritik und Perspektiven einer Pädagogik für ‚schwierige‘ Kinder“ erschienen ist. Entscheiden Sie selbst, ob Sie sich eher der Auffassung des Autors oder der des Rezensenten anschließen.

Wie immer wünsche ich Ihnen ein anregendes Lesestudium der Arbeiten dieser Ausgabe 1 des 40. Jahrgangs der Heilpädagogischen Forschung,

Ihr
Herbert Goetze

zur Übersicht des Jahrgangs 2014
pic/blindgelb.gif (103 Byte)
zurück zum Kopf der Seite
aktualisiert
am 11.03.2015