Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 2012

Liebe Leserin, lieber Leser
der Heilpädagogischen Forschung,

Ich muss dieses Editorial zum Anlass nehmen, Ihnen zwei traurige Mitteilungen zu machen. Unser langjähriges Redaktionsmitglied, Prof. Dr. Christian Klicpera, sowie der maßgebliche Vertreter der empirischen Sonderpädagogik, Prof.  Dr. Friedrich Masendorf, sind kürzlich verstorben, und wir wollen dieser beiden herausragenden Persönlichkeiten besonders gedenken. Die Verdienste von Christian Klicpera um die Sonderpädagogik sind allseits bekannt, aber dennoch soll seiner auf den folgenden Seiten gedacht werden, indem sein prominentester Schüler, Prof. Dr. Alfred Schabmann, das Lebenswerk mit knappen Worten charakterisieren und eine denkwürdige Bilanz ziehen wird. Mit Friedrich Masendorf verbindet mich eine gemeinsam verbrachte Marburger Studienzeit, eine anregungsreiche und förderliche freundschaftliche und kollegiale Zusammenarbeit in Dortmund und viele später erfolgte öffentliche und private Zusammenkünfte in Hamburg und an anderen Orten. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir sein Zuspruch anlässlich unserer Übernahme der Heilpädagogischen Forschung im Jahr 1997, die auch von Protesten und Boykottaufrufen seitens der Vorgänger begleitet war. Dieser kollegiale Freund schloss sich dem nicht an und versicherte, weiterhin Forschungsarbeiten einzureichen – was er dann auch realisierte. Friedrich Masendorf war entschiedener Gegner einer akademischen Sonderpädagogik, die sich ausschließlich als philosophisch und ideen- und konzeptentwickelnd versteht, sein fortschrittliches Denken war auf die Frage nach der empirischen Evidenz und Effektivität der Ideen gerichtet. Er wird uns ein Stück dadurch auf Dauer erhalten bleiben, denn er hat von uns allen die größte Zahl an brillanten Schülern hervorgebracht, die sein Werk in seinem Sinne fortsetzen werden, auch wenn sie in unserer scientific community noch eine Minderheit sind.

Auch in dieser Ausgabe werden Sie wieder bemerkenswerte Forschungsarbeiten des In- und Auslandes vorfinden.

An erster Stelle stellt Heinz Krombholz die Ergebnisse einer Langzeitstudie unter dem Titel „Die Effekte eines zusätzlichen Bewegungsangebotes im Kindergarten bei Kindern mit Umschriebenen Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen (UEMF) – eine kontrollierte 20-Monate-Längsschnittstudie“ vor. Gefragt war, ob durch ein zusätzliches Bewegungsangebot im Kindergarten über 20 Monate die Bewegungsentwicklung nicht nur von unauffälligen Kindern, sondern auch von UEMF-Kindern positiv beeinflusst werden kann. Untersucht wurden 318 Kinder im Alter von 53.7 Monaten aus elf Interventions- und elf Kontrolleinrichtungen. Um die Auswirkungen der Interventionsmaßnahmen zu überprüfen, wurden Erhebungen zu Beginn, nach 10 Monaten und am Ende der Studie durchgeführt.

Die zweite Arbeit von Frauke Janz, Hanna Ege, Mareike Heitner und Manfred Hintermair steht unter dem Titel „Exekutive Funktionen, sozial-emotionale Auffälligkeiten und Assistenzbedarf bei Schülerinnen und Schülern mit einer geistigen Behinderung“ und befasst sich mit Verhaltensstörungen, Assistenzbedarf von Kindern mit geistiger Behinderung und dem Zusammenhang mit möglichen Problemen in der Entwicklung exekutiver Funktionen sowie der kommunikativen Kompetenz dieser Zielgruppe. Die Ergebnisse werden in ihren Konsequenzen für die pädagogische Praxis insbesondere im Hinblick auf eine inklusive Beschulung diskutiert und es wird herausgestellt, dass eine möglichst frühzeitige Förderung von Kompetenzen wie der Selbstwirksamkeit und Selbstkontrolle stattfinden sollte.

Verhaltensstörungen stehen auch im Fokus eines interuniversitären Forschungsprojekts, das sich in dieser Ausgabe an dritter Stelle findet, jedoch steht hier der Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund, Sprachdefiziten und Verhaltensauffälligkeiten im Fokus. Bei der Autorengruppe (Barbara Maria Schmidt, Barbara Gasteiger-Klicpera, Diemut Kucharz, Werner Knapp, Alfred Schabmann) handelt es sich um Mitglieder von nicht weniger als vier deutschen und österreichischen Hochschulen, es handelt sich also um eine kolossale kooperative Forschungsleistung, die Ihnen hier vorgestellt wird.

Schließlich wird im letzten Beitrag wieder die Inklusionspädagogik thematisiert und ein ‚heißes Eisen‘ der Inklusionspädagogik aufgegriffen. Es wird nämlich der Frage nachgegangen, wie Inklusion von Sekundarschülern mit Förderbedarf auf den weiterführenden Schulen realisiert werden kann. In ihrem Beitrag zeigt Janice Grskovic auf, wo die Probleme aus US-amerikanischer Sicht zu verorten sind. In den USA stellen sich bei der Umsetzung von Inklusion im Primarbereich kaum, dagegen im Sekundarbereich viele Probleme. Inklusion in weiterführenden Schulen ist weiterhin ungelöst, und ich habe den Eindruck, dass dazu hier zu Lande kaum solide Forschung publiziert ist, und dass Inklusion bei uns noch immer primär für den Primarbereich problematisiert wird (was sich z.B. an Potsdamer Ausschreibungen für Inklusionsprofessuren zeigt, die ausschließlich im Grundschulbereich verortet werden). Dr. Janice Grskovic wird in ihrem Beitrag ihren Finger auf diese offene Wunde legen, aber auch Auswege aufzeigen, wie den vorhandenen Defiziten im inklusiven Sekundarbereich beizukommen ist.

Lassen Sie sich ein weiteres Mal von den aktuellen Forschungstrends unseres Faches überraschen,

Ihr
Herbert Goetze

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aktualisiert
am 11.12.2012