Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 1 2012

Liebe Leserin, lieber Leser
der Heilpädagogischen Forschung,

und wieder hat die Sonderpädagogik den Verlust eines Nestors unserer Disziplin zu verkraften: Emil E. Kobi ist im letzten Jahr verstorben und hinterlässt bei Generationen von Schülern eine kaum zu schließende Lücke. Kobi wurde nicht nur als Dozent, Wissenschaftler und Freund geschätzt, er hinterlässt einen Fundus an Publikationen, deren Inhalte auch in Zukunft weiter aktuell bleiben werden.

In dieser Ausgabe der Heilpädagogischen Forschung werden Sie einem anderen Nestor der Sonderpädagogik begegnen, Otto Speck, der nach wie vor mit seinen Veröffentlichungen so produktiv wirkt wie vor vierzig Jahren. Speck zeigte stets eine erhöhte Sensibilität für Schwächen in aktuellen Strömungen und Modetrends. In dieser Ausgabe greift er mit seinem Beitrag einen bisher relativ unbeachteten Trend auf, der die „Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ betrifft: Quasi unbemerkt hat sich eine Veränderung der Schülerpopulation vollzogen. In diesem Beitrag werden aktuelle empirische Belege für diesen Veränderungsprozess referiert. Aus ihnen geht hervor, dass vor allem die „Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen“, die frühere „Schule für Lernbehinderte“, in den letzten Jahrzehnten dazu übergegangen ist, Schüler mit einer Lernbehinderung an die „Schule mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung“ abzugeben.

Der Forschungsbeitrag von Klaus Sarimski, Manfred Hintermair und Markus Lang betrifft Belastungserleben und Zufriedenheit mit der Frühförderung von Eltern mit Kindern, die geistige Behinderungen aufweisen. Die Autoren haben 42 Eltern von Kleinkindern, die regelmäßig von der Frühförderung betreut wurden, zu zwei Zeitpunkten im Abstand von einem Jahr dazu befragt. Die Ergebnisse, die sie erzielt haben, zeigen einerseits große Veränderungsbedarfe auf, belegen andererseits deutlich, wie notwendig die Einbeziehung von Sonder- oder Heilpädagogen in die Frühförderung ist.

Einem anderen Thema der vorschulischen Bildung haben sich Christiane Kiese-Himmel und Nicole von Steinbüchel in ihrer Untersuchung gewidmet. Sie gingen der Frage nach, ob sich Kinder mit und solche ohne Migrationshintergrund in ihren sozial-emotionalen Kompetenzen unterscheiden und wandten unterschiedliche diagnostische Instrumente an. Es zeigten sich durchaus unerwartete Ergebnisse, aus denen sich Folgerungen für eine optimierte diagnostische Praxis und sonderpädagogische Förderung ableiten lassen.

Der Berichtsteil ist in dieser Ausgabe etwas umfänglicher ausgefallen. Hier findet sich der Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 20.10.2011, der unter dem Titel „Inklusive Bildung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen“ erschienen ist. Die darin enthaltenen Empfehlungen sind ebenso bemerkenswert wie kritikwürdig. Einleitend werde ich den Finger in einige Wunden dieses Papiers legen, um Sie sensibel für die eigene Lesung zu machen. Im Anschluss können Sie außerdem in Erfahrung bringen, wie die Behindertenverbände zum Beschluss stehen.

Ich wünsche Ihnen viel kritische Aufmerksamkeit bei der Lektüre,

Ihr
Herbert Goetze

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aktualisiert
am 13.04.2012