Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 1 2004

Liebe Leserin und lieber Leser der Heilpädagogischen Forschung,

es gibt ein Jubiläum zu feiern: Mit dieser Ausgabe halten Sie den 30. Jahrgang der Heilpädagogischen Forschung in Händen. Ich möchte dieses Jubiläum jedoch heute nicht zum Anlass für eine historische Rückschau über die Geburt, Kindheit, Adoleszenz und schließlich das Reifealter der Heilpädagogischen Forschung nehmen, denn eine Reminiszenz ist bereits einmal an früherer Stelle erschienen. Nur so viel möchte ich bei dieser Gelegenheit ausdrücken, dass diese Zeitschrift in ihrem Werdegang stürmische Wachstumsphasen erlebt hat. Und so viel scheint mir auch sicher: Ihren Gründungsvätern haben wir es zu verdanken, dass die Heilpädagogische Forschung auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage steht, was nicht unbedingt für ihre ökonomische Existenz gilt. In ökonomischer Hinsicht hat man dieser Zeitschrift schon mehrere Male in ihrer nunmehr über dreieinhalb Jahrzehnte vorhandenen Existenz das Totenglöcklein geläutet. Ende der neunziger Jahre schien ihr Schicksal fast besiegelt, als bis in die zweite Jahreshälfte keine einzige Ausgabe erschienen war. Die Gegner ihrer Weiterverbreitung gingen sogar so weit, dem Potsdamer Universitätsrektor das Erscheinen untersagen zu wollen. Dass die DfG der Heilpädagogischen Forschung den Antrag auf Druckkostenzuschuss negativ beschied, war damals gewissermaßen das I-Tüpfelchen. Mit Geschick ist es uns gelungen, die Heilpädagogische Forschung aus schwierigen Fahrwassern heraus zu manövrieren. Ihre Existenz ist nicht mehr gefährdet, sie gehört weiterhin zu jenen wenigen Publikationsorganen, die sich der Verbreitung solider, in der Regel erfahrungswissenschaftlich gewonnener Forschungsergebnisse widmen. Die Reichweite ihrer Leserschaft erstreckt sich auf fast alle Kontinente dieser Erde. Durch die Verankerung im Internet (unter der Adresse heilpaedagogischeforschung.de) hat ein interessiertes Publikum Zugang zu sämtlichen Titeln, Autoren und Abstracts der letzten 13 Jahre. Mit der Einführung der Hochschuldidaktischen Seite hat die Heilpädagogische Forschung zunehmend kritischen Eingang in Hochschulseminare gefunden. Die neuere Einführung eines Glossars in jeder Ausgabe macht die Zeitschrift nun auch für Examenskandidaten und Nicht-Fachleute gleichermaßen interessant. Resümierend lässt sich also feststellen: Wir können stolz darauf sein, dass dieses wichtige wissenschaftliche Publikationsorgan der deutschsprachigen Behindertenpädagogik existiert. Dieser 30. Jahrgang erscheint zwar in wirtschaftlich unruhigen und ungesicherten Zeiten; wir sind jedoch sicher, dass wir weitere ‚runde' Jubiläen feiern werden.

Welche Beiträge erwarten Ihr Leseinteresse dieses Mal? An erster Stelle wird eine Autorengruppe um Hellmut Hartmann eine neuartige Autismus-Therapie, die Aufmerksamkeits-Interaktions- Therapie (AIT), vorstellen und ihre Effektivität mit Hilfe von Methoden der kontrollierten Einzelfallforschung überprüfen. Anschließend werden Birgit Spinath und Ines Wohland über ihre empirisch gestützten Erfahrungen berichten, denen der Einsatz eines Lerntagebuches bei Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu Grunde lag. Die Wiener Kollegen Barbara Gasteiger-Klicpera und Christian Klicpera stellen mit ihrer Forschungsarbeit heraus, inwiefern die Sichtweise von Vertretern der Schulaufsichtsbehörden die Einstellung betroffener Eltern für bzw. gegen eine gemeinsame Unterrichtung beeinflusst. Diese Ausgabe der Heilpädagogischen Forschung wird mit einem ungewöhnlichen Artikel abgeschlossen: Gabriel Mucuta und Erich Kurth haben einen bisher ‚blinden Fleck' der vergleichenden Heilpädagogik aufgesucht und Angola sonderpädagogisch beforscht, eines der größten Länder Afrikas, das bisher kaum Gegenstand vergleichender kulturpsychologischer Forschung war; bei Stichproben angolanischer Schulkinder zwischen 6 und 13 Jahren wandten sie nichtsprachliche Intelligenztests an und konnten nachweisen, dass diese Population internationale IQ-Standardnormen erreichte, was von den Autoren als Ausdruck der vorhandenen kognitiven Entwicklungspotenzen interpretiert wird.

Ich wünsche Ihnen reichhaltige Denkanregungen auf Grund der Lektüre dieser Jubiläumsausgabe der Heilpädagogischen Forschung,

Ihr Herbert Goetze

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aktualisiert am 15.04.2004