Heilpädagogische Forschung
 
Editorial von Herbert Goetze aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 2 2002

Für jede wissenschaftliche Zeitschrift ist ein Gutachterstab tätig, der in Form anonymisierter Peer-Reviews die eingehenden Publikationsvorschläge begutachtet. Aber wie unterscheiden sich eigentlich gute und schlechte Gutachter? Über Gutachter - in Zeiten der hinter uns liegenden Fußballweltmeisterschaft könnte man auch die Metapher eines ‚Schiedsrichters' heranziehen - wird viel Gutes und Böses gesagt; interessanterweise gibt es zur Gutachtertätigkeit selbst nur wenig wissenschaftlich gesichertes Wissen. Aber jeder von uns weiß: Man kommt in den meisten Lebensbereichen nicht um sie herum, man ist ihnen oft ausgeliefert. Bleiben sie in ihrer Tätigkeit - im Gegensatz zum Schiedsrichter - anonym, verstärkt sich noch das Gefühl der Ohnmacht auf Seiten des Begutachteten, der sich auf Gedeih und Verderb dem gutachterlichen Verdikt ausgeliefert sieht. In jedem Fall ist das gutachterliche Urteil kaum noch revidierbar; fatalerweise dient es dem Auftraggeber als Richtschnur für weitere, oft in ihren Auswirkungen gravierende Entscheidungen. Und diese Rahmenbedingungen und Hintergründe sind den Gutachterpersonen natürlich auch bekannt, und leider ziehen manche von ihnen daraus negativen Nutzen. Da kommt es schon einmal vor, dass - vorsichtig ausgedrückt - unsachliche Argumente ins Feld geführt werden, oder vielleicht ‚alte Rechnungen beglichen werden'. Solche unethischen Tendenzen sind leider auf allen Ebenen der Wissenschaftskultur auffindbar, ob es nun um die Begutachtung von Examensarbeiten, Dissertationen, Habilitationsarbeiten, Forschungsanträgen oder gar um Schriftengutachten für Stellenbesetzungen geht. Ich kann mich - auf Grund von Erfahrungen von mir nahestehenden Kollegen und eigenen Erfahrungen - des persönlichen Eindruckes nicht erwehren, dass die gutachterliche Wissenschaftskultur derzeit keine Hochblüte erlebt. Wenn ich z.B. an das gutachterliche Argument gegen einen Forschungsantrag zur Spieltherapie denke, ich solle gefälligst eine Verhaltenstherapie durchführen ... Selbstverständlich sollten verbesserungsbedürftige Vorlagen und Anträge auch eine deutliche gutachterliche Stellungnahme erfahren; meine amerikanischen Lehrer haben mich gelehrt, wie viel sich auch aus einer Ablehnung lernen lässt. Die Gutachtertätigkeit sollte jedoch immer sachlich und nie persönlich motiviert sein - eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man denken.

Die zur Publikation in der Heilpädagogischen Forschung eingereichten Arbeiten werden stets begutachtet, und ich versichere Ihnen: allein unter sachlichen Gesichtspunkten. Unsere Gutachter begründen ihre Sicht und machen gegebenenfalls Verbesserungsvorschläge. Entsprechend werden Sie in dieser Ausgabe der Heilpädagogischen Forschung Artikel vorfinden, die ‚die Gutachterschleife' erfolgreich durchlaufen haben. An erster Stelle berichten Bärbel Kirsch und Inge Hansen aus Potsdam über Ergebnisse ihres Projektes zum Schulvermeidungsverhalten. In Zeiten der PISA-Diskussionen werden ihre Ergebnisse zu denken geben, nach denen sich die Schulunlust als ungünstige Voraussetzung für die produktive Bewältigung des Übergangs von der Grundschule in die weiterführende Schule erweist: Solche Schulaversion zieht eine schwierigere Ausgangsposition für die Meisterung des weiteren Bildungsganges nach sich. Bindungstheorien und Bindungsstörungen sind ein zentraler Untersuchungsgegenstand der letzten Ausgaben der Heilpädagogischen Forschung gewesen; in diesem Heft wird die Thematik unter anderem Blickwinkel aufgenommen: Roland Schleiffer und Susanne Müller aus Köln legen ihre Ergebnisse zur Bedeutung der Bindungsorganisation in der stationären Jugendhilfe dar. Konkret geht es ihnen um die Erforschung der Bindungsrepräsentation von Heimjugendlichen. Roland Schleiffer und Susanne Müller fanden heraus, dass sich diese Klientel als psychopathologisch hoch belastet erweist und dass ihr nur eine unsichere bis hochunsichere Bindungsrepräsentation zur Verfügung steht, ein Ergebnis, das erhebliche Konsequenzen für eine optimierte Heimerziehung nach sich ziehen muss. Anschießend beschreibt Barbara Gasteiger-Klicpera aus München in einer Pilotstudie die Evaluation eines Projektes zur schulischen Konfliktmediation (Besprechung von Konfliktarten und Konfliktregeln; richtiges Verhandeln, Emotionsregulation, Mediationseinübung). Demnach gibt es begründete Hoffnung dafür, dass ein solches Programm zur Reduktion von Aggressivität und Viktimisierung und zum Aufbau von Sozialkompetenz führt. Schließlich machen Ute Ritterfeld von der University of Southern California und Michael Knuth von der Universität Magdeburg mit ihrem Beitrag 'zur konnektionistischen Modellierung von Sprachentwicklung und spezifischer Sprachentwicklungsstörung als psycholinguistisches Integrationsparadigma' Vorschläge für die Verwendung eines neuartigen Simulierungsmodells (‚Konnektionismus'), mit dessen Hilfe Sprachentwicklung sowie Sprachentwicklungsstörungen abgebildet werden können.

Damit bietet die Heilpädagogische Forschung in diesem Heft wiederum ein breites Spektrum von positiv begutachteten Forschungsarbeiten an, die mit Sicherheit in der weiteren Fachdiskussion eine wichtige Rolle spielen werden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine interessante Lektüre,

Ihr Herbert Goetze

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aktualisiert am 26.01.2004