Heilpädagogische Forschung
 

Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 4 2000

 

Das Jahr 2000 hatte nicht sehr erfreulich für die universitäre Behindertenpädagogik begonnen, und es sieht so aus, als ob auch das kommende Jahr noch keine Besserungen bringen wird. Allenthalben sehen sich die Kolleginnen und Kollegen an den Hochschulen der Aufforderung ausgesetzt, "den Gürtel enger zu schnallen". Die Auswirkungen sind auf allen Ebenen professionellen Handelns bereits heute deutlich zu spüren. Ginge es nur darum, mögliche Fettpolster vergangener Jahre etwas abzuspecken, könnte man noch von einem Gesundschrumpfungsprozess sprechen. Es geht aber zunehmend an die Substanz der akademischen Behindertenpädagogik! Selbstverständliche Arbeitsmittel werden entzogen, einer soliden universitären Lehre und fundierten Forschung wird mehr und mehr das Wasser abgegraben. Symptomatisch für diese Tendenzen ist eine Meldung, die die HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG betrifft: Mit Fassungslosigkeit musste ich von der Abbestellung eines Bibliotheksabonnements von einer Universität Kenntnis nehmen, an der die Behindertenpädagogik zum integralen und deutlich nachgefragten Bestandteil des Studienangebotes zählt; offizieller Grund: Mittelkürzungen. Damit stehen wir vor der Situation, dass Lehrenden, Forschenden und Studierenden die Möglichkeit genommen wird, sich über aktuelle Forschungsfragen der Behindertenpädagogik zu informieren.

Aber nicht nur sächliche Ressourcen werden systematisch entzogen, es geht v.a. um die personellen. An den Universitäten wird die Wiederbesetzung frei gewordener Stellen entweder ganz unterlassen oder in eine unsicher gewordene Zukunft verlagert. Und wenn dann doch einmal in dieser äußerst labilen Besetzungssituation eine Stelle ausgeschrieben wird, dann zeigen sich Tendenzen, die der wissenschaftlichen Etablierung der doch noch jungen Disziplin Sonderpädagogik entgegenwirken. Bei spiel: Kürzlich wurde die universitäre Ausschreibung für eine C4-Professur für Sonderpädagogik publiziert; die Stellenbewerber sollen - wie üblich - eine herausragende Promotion, zusätzliche, für das Fachgebiet einschlägige wissenschaftliche Leistungen, eine besondere pädagogische Eignung einbringen sowie eine dreijährige Schulpraxis nachweisen. Aber: Von einer Habilitation für die C4-Professur ist im Ausschreibungstext nicht die Rede, und auch nicht davon, dass Stellenbewerber ihre Kompetenz in der Forschung zu belegen haben, wie sie sich z.B. an DFG-geförderten Projekten zeigen könnte. Man fragt sich unwillkürlich: Soll die gesuchte Persönlichkeit ihre Aufgabe mehr darin sehen, Praxiskonzepte zu vermitteln, und weniger, systematisch Forschung zu betreiben und Forschungsprogramme auf den Weg zu bringen? Man fragt sich weiter hin, ob auf diese Weise der Abschied von der Forschungspriorität eingeläutet und damit die Verlagerung der Ausbildung aus der Universität angebahnt werden soll.

Die HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG wird sich mit ihren geringen Möglichkeiten solchen Tendenzen ent gegenstellen und weiterhin dafür sorgen, dass das Primat der Forschung in der Behindertenpädagogik nicht aufgegeben wird. Dafür legen die Beiträge dieser Ausgabe der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG wiederum ein beredtes Zeugnis ab.

An erster Stelle wird Hermann Meyer seine Untersuchung zum forschungsbezogen deutlich vernachlässigten Thema der Ängstlichkeit bei Schülern mit geistigen Behinderungen vorstellen, an die sich die Arbeit von Andreas Maluck und Peter Melchers anschließt, in der erstmalig in Deutschland die K-ABC, ein Verfahren zur Intelligenzdiagnostik, bei Erwachsenen mit einer geistigen Behinderung eingesetzt wird. Auch Michael Fingerle geht mit seiner Untersuchung einer diagnostischen Fragestellung nach; als Konsequenz der Resilienzforschung stellt er ein Instrument vor, mit dessen Hilfe die adaptiven psychischen Ressourcen von Grundschulkindern erhoben werden können, und betritt damit ein Neuland, von dem Theorie und Praxis der Pädagogik bei Risikokindern profitieren werden. Rainer Oesterreich und Brita Schirmer befassen sich im nächsten Beitrag mit den Schwierigkeiten von Menschen mit autistischer Behinderung beim Alltags handeln, und zwar unter der alternativen Sichtweise eines handlungstheoretischen Modells. Thematisch schließt sich der sehr kritische Bericht von Allmuth Bober über die Münchener Studie zur Gestützten Kommunikation an, der Befürwortern und Kritikern der Gestützten Kommunikation einiges zu denken geben wird.

Abgeschlossen wird der inhaltliche Teil dieses Heftes mit einem Bericht über die letzte Tagung der Arbeitsgemeinschaft Empirisch Arbeitender Sonderpädagogen (AESF), die im Oktober 2000 in Wien stattgefunden hat. Die dortige Versammlung hat einmütig beschlossen, zukünftig die Zusammenfassungen der Beiträge - möglichst schon vorab - in der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG veröffentlichen zu lassen, was bei der Redaktion natürlich ein positives Echo ausgelöst hat. Damit werden die Bestrebungen der HEILPÄDAGOGISCHEN FORSCHUNG unterstützt, ein Publikationsorgan zu sein, das auch in Zukunft jenen Tendenzen entgegen wirkt, die der Ent-Akademisierung der Behindertenpädagogik in die Hände arbeiten.

Ihr

Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 30.01.2003