Heilpädagogische Forschung
 
Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 3 2000

"Vernetzung der Sonderpädagogik!"
"Auflösung der Fachrichtungen!"
"Systemische Sonderpädagogik!"

Solche und andere Appelle sind allenthalben zu hören. Und wer sich erlaubt, in diesem Kanon nicht mitzusingen und andere Lieder anzustimmen, der gerät leicht in den Ruf eines ewig gestrigen, unverbesserlichen Eigenbrötlers, dessen Irrwege ihn im Laufe der Zeit in die Sackgasse führen werden.

Wenn mir solche Absichtserklärungen zu Gehör oder Gesicht kommen, reagiere ich mit einer Portion Skepsis. Ich frage mich nämlich: Was müsste sich denn ändern, wenn Vernetzung und systemisches Denken in der sonderpädagogischen Forschung ernst genommen würden? Diebanale Antwort lautet: Man müsste das, was andere tun, zur Kenntnis nehmen und mit diesen anderen mit dem Ziel in Kontakt treten, eine Kooperation aufzubauen und zu realisieren. Wenn ich allerdings diese logischen Konsequenzen auf die Protagonisten von Systemik und Vernetzung zurück beziehe, muss ich feststellen: Sie scheitern bereits an der ersten Stufe. Scheuklappenartig saugen sie auf, was ins Konzept passt, ohne über den eigenen Horizont zu schauen.

Dabei bieten die neuen Medien doch alle Voraussetzungen dafür, vernetzte Kommunkation erst einmal im Stillen, am Schreibtisch-Computer, zu betreiben. Wer heute behauptet, dass es zu einer bestimmten Fragestellung noch keine Untersuchungsergebnisse gäbe, stellt sich selbst ein Armutszeugnis aus; er hat in der Regel nicht ausreichend recherchiert.

Mir fallen zwei Beispiele zur ‚Blinde-Fleck-Ideologie‘ ein: Kenntnisnahme von Ergebnissen des Auslandes sowie solcher der benachbarten Disziplinen. Neulich hörte ich von jemandem, der mit Stolz verkündete: Er habe es geschafft, keine einzige amerikanische Quelle in seiner wissenschaftlichen Arbeit zitiert zu haben. Was wird man von einer solchen Arbeit wohl zu halten haben, die in Zeiten des WWW Erkenntnisse anzubieten hat, die bestenfalls von lokaler Bedeutung sind?

In einem ansonsten beeindruckenden überblickswerk zur sonderpädagogischen Psychologie, das vor kurzem er schienen ist, würde man doch erwarten, dass die derzeit wichtigsten Klassifikationssysteme, das DSM–IV und die ICD–10, zu einem zentralen Betrachtungsgegenstand gemacht werden, zu mal darin sonderpädagogisch relevante Syndrome ausführlich beschrieben sind. Dass das DSM–IV mit einem einzigen Verweis an unwichtiger Stelle so dürftig aufgeführt ist, belegt, wie wenig die Diskussionsgegenstände und die Ergebnisse der benachbarten Disziplinen zur Kenntnis genommen werden. Vernetzung? Systemik? Es scheint notwendig zu sein, diese offenen Wunden der gegenwärtigen sonderpädagogischen Forschungslandschaft zu schließen.

Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG hat sich schon immer einem Forschungsparadigma verpflichtet gefühlt, das über die engeren lokalen und nationalen Horizonte hinausweist. Zu nehmend haben Arbeiten aus der Psychologie, der Psychiatrie, der Sozialpädagogik und der Allgemeinen Pädagogik Eingang gefunden. Mehr und mehr sind auch Vertreter des Auslandes mit ihren Arbeiten zu Wort gekommen. Demnächst wird der Leserschaft der HEIL PäDAGOGISCHEN FORSCHUNG im Sinne einer weiteren Ideenvernetzung eine weitere Neuerung in der Form begegnen, dass auch englischsprachige Titel, die für den europäischen Lebens raum von Bedeutung sein können, auf genommen werden. Die HEILPäDAGOGISCHE FORSCHUNG beweist jedoch noch an anderer Stelle, wie wichtig ihr das Bedürfnis nach Verflechtung und Vernetzung ist: beim wissenschaftlichen Redaktionsbeirat. Die unterschiedlichsten sonder pädagogischen Arbeitsfelder sind jetzt im Redaktionsbeirat personell vertreten; zwei ausgewiesene Fachleute des Auslandes tragen zum internationalen Renommee der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG bei. So gehört neuerdings Frau Professorin Dr. Adriana Schuler von der San Francisco State University zu unserem Team. Dr. Schuler ist Vollprofessorin für Sonderpädagogik an der State University von San Francisco. Ihren sonderpädagogischen Abschluss hat sie 1970 in den Niederlanden in den Bereichen der Sprach- und Hörbehindertenpädagogik abgelegt. Ihr weiteres Studium führte sie nach Santa Barbara in Kalifornien, wo sie 1979 auch promoviert wurde. Seit 1982 bekleidet sie die sonderpädagogische Professur in San Francisco und ist auch als Gastprofessorin an den Universitäten in München, Santa Barbara, San Bernardino und in Belgien tätig gewesen. Adriana Schuler ist international bekannt geworden durch ihre Feldstudien, in deren Mittelpunkt Kinder mit autistischen Zügen und Entwicklungsproblemen standen.

Prof. Dr. med. et phil. Christian Klicpera von der Abteilung für Angewandte und Klinische Psychologie der Universität Wien ist der Leserschaft der HEIL PäDAGOGISCHEN FORSCHUNG seit langem als Autor bekannt. Er weist eine langjährige praktische Tätigkeit im Bereich der Kinderpsychiatrie auf. Seine umfänglichen und vielbeachteten Forschungsarbeiten sind dem Bereich der Behindertenpädagogik zuzuordnen, insbesondere die schulische Förderung ist ihm ein besonderes Anliegen. Die Liste seiner Veröffentlichungen enthält zahlreiche Monographien, Herausgeberwerke und Einzelbeiträge. Er war auch an zahlreichen internationalen Forschungsprojekten beteiligt. Sein Oeuvre sucht seinesgleichen, es weist ihn als hervor ragenden Kenner der sonderpädagogischen Wissenschaftsszene aus, deshalb ist er im wissenschaftlichen Beirat auch hoch willkommen.

Adrienne Biermann gehört mit Henri Julius zum hoffnungsvollen Nachwuchs in der Sonderpädagogik. Beide sind der Leserschaft der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG bereits als Auto ren von interessanten Beiträgen bekannt geworden. Adrienne Biermann hat ihren sonderpädagogischen Abschluss an der Universität Dortmund erworben, war 15 Jahre lang als Sonderschullehrerin für Lernbehinderte und Körperbehinderte in Dortmund und Hamburg tätig, absolvierte einen längeren Forschungsaufenthalt an der University of Hawaii, verfolgte dann ihr Promotions vorhaben zur Gestützten Kommunikation an der Universität Leipzig und ist derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Förderpädagogik der Universität Leipzig in der Geistigbehindertenpädagogik tätig. Ihre Interessenschwerpunkte liegen im Bereich der Kommunikationsförderung von Personen ohne ausreichende lautsprachliche Verständigungsmöglichkeiten und in der Förderung von Personen mit Schwermehrfachbehinderungen. Von ihrem letzten USA-Aufenthalt wird sie in diesem Heft über Forschungsergebnisse zur Unterstützten Kommunikation bei Autismus berichten.

Henri Julius hat von 1978 bis 1985 Sonderpädagogik an der Universität Oldenburg studiert; es schloss sich ein Studium der Psychologie von 1987 bis 1993 mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie in Oldenburg und Trier an. Seit 1994 ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Verhaltensgestörtenpädagogik am Institut für Sonderpädagogik der Universität Potsdam tätig. Henri Julius ist zum Dr. phil. an der Universität Potsdam promoviert worden; seine Dissertation hatte psychische Folgen sexuellen Missbrauchs an Jungen zum Inhalt. Bekannt geworden ist Henri Julius durch eine Buchpublikation verwandten Inhalts beim Hogrefe-Verlag sowie als Erstautor durch ein Standardwerk zur kontrollierten Einzelfallforschung in der Sonderpädagogik, das ebenfalls beim Hogrefe-Verlag erschienen ist. 1998 war Henri Julius als Research Scholar an der Universität of Hawaii at Manoa und an der San Francisco State University tätig. Seine der zeitigen Forschungsschwerpunkte sind schulische Interventionen für Risikokinder, integrative Spielgruppenarbeit mit autistischen Kindern, bindungstheoretisch abgeleitete schulische und klinische Interventionen für misshandelte, vernachlässigte und missbrauchte Kinder. Henri Julius stellt sich der Leserschaft in diesem Heft der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG durch einen Beitrag vor, der die Hintergründe der Aggressivität bei missbrauchten Kindern zum Inhalt hat; die Ausführungen münden in einer Erkenntnis, die von hoher praktischer Relevanz für die schulische Intervention ist.

Die neuen Mitglieder des wissenschaftlichen Redaktionsbeirats der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG werden dafür sorgen, dass die Inhaltsqualität unserer Fachzeitschrift nicht nur beibehalten, sondern in Zukunft noch gesteigert wird, und dass die Begriffe der Vernetzung und Systemik mit Inhalten gefüllt werden.

Ihr

Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 30.01.2003