Heilpädagogische Forschung
 
Editorial aus: Heilpädagogische Forschung Nr. 2 2000

"... spricht sich der Wissenschaftsrat gegen eine Fortsetzung des Aufbaustudienganges Sonderpädagogik aus."

So hatte ich das Editorial des vorangegangenen Heftes begonnen und Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG, darauf hingewiesen, dass ich dem Herrn Generalsekretär des Wissenschaftsrates in einem Schreiben die deutliche Unruhe auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene aufgrund des Wissenschaftsrats-Votums signalisierte. Ich versprach Ihnen, die Reaktion des Generalsekretärs zur Kenntnis zu bringen.

Der Generalsekretär hat dankenswerterweise reagiert. Er bekräftigt allerdings in seinem Schreiben sinngemäß die im Gutachten festgelegte Auffassung, dass die Lehrerbildung im gesamten fachlichen Spektrum und über alle Schulformen hinweg an der begutachteten Universität nicht mehr lokalisierbar erscheint; die Schließung des Studienganges Sonderpädagogik würde deshalb als ein geeigneter Weg angesehen, ausreichende Kapazitäten für Profilbildungen bereitzuhalten; das Fach Sonderpädagogik sei nicht profilbildend.

Wenn Sie die vom Generalsekretär gegebene Antwort mit den Argumenten vergleichen, die sich im Editorial 1/ 2000 finden, z. B. die unabweisbaren Bedarfslage an Ausbildungskapazitäten, die Nicht-Heranziehung des Sachverstandes einer Expertenkommission durch den Wissenschaftsrat, die bevorstehende Pensionierungswelle von Sonderschullehrkräften, die Gefährdung behinderungsspezifischer Forschung, das Todesurteil für eine etablierte Wissenschaftskultur etc., werden Sie feststellen: Mit keinem Wort wird auf die Argumente in der Antwort eingegangen. Der Wissenschaftsrat beharrt vielmehr unerschütterlich auf seiner einmal gegebenen Empfehlung.

Wie wenig Sinn sie macht, wird auch daran deutlich, dass die neu verabschiedeten Lehrerbildungsgesetze ein sonderpädagogisches Basiswissen für sämtliche Lehramtsstudiengänge vorsieht. Fragt sich nur, woher in Zukunft die Kapazitäten für diese aufwendigen Ausbildungsaufgaben kommen sollen.

Inzwischen hat der Wissenschaftsrat auch die Berliner Universitäten begutachtet. Erwartet hätte man, dass sich in diesem Gutachten qualifizierte Aussagen zur Ausbildung in Sonderpädagogik finden, nachdem der Wissenschaftsrat ja an anderer Stelle dezidiert den Abbau der Ausbildung in Sonderpädagogik gefordert hatte. Vergeblich wird man in diesem Gutachten des Wissenschaftsrates jedoch Aussagen zur Sonderpädagogik suchen, die Sonderpädagogik findet kaum Erwähnung.

Stellt man nun die Nicht-Komplementarität der beiden Empfehlungsaussagen - einerseits eine dezidierte Befürwortung der Abschaffung, andererseits eine Nichterwähnung der Sonderpädagogik - gegenüber, so liegt die Vermutung nahe, dass noch ganz andere Intentionen im Hintergrund verborgen sind. Tatsächlich nämlich findet man einen versteckten Hinweis an anderer Stelle in den jüngsten Empfehlungen des Wissenschaftsrates: Es wird eine Verlagerung von Teilen der Lehrerausbildung an die Fachhochschulen und damit eine Ent-Akademisierung der traditionellen sonderpädagogischen Ausbildung vorgeschlagen. - Die Geschichte der Sonderpädagogik scheint damit auch im Ausbildungsbereich zur Gegenwart und Zukunft zu werden.

Ob der Wissenschaftsrat also eine Rückwärtsentwicklung im Auge hatte, als er sich gegen die Fortsetzung des Aufbaustudienganges in Sonderpädagogik und damit zur Schließung des zuständigen Universitätsinstituts aussprach? Man wird künftige Empfehlungen des Wissenschaftsrates in Bezug auf Aussagen über die akademische Ausbildung in der Behindertenpädagogik daraufhin kontrollieren müssen, ob sie denn weiterhin ohne Experten-Sachverstand zustande kommen. Optimalerweise sollten natürlich Sonderpädagogen in den Beratungsgremien vertreten sein, um weitere Fehlentscheidungen zu verhindern.

Ganz am Rande beklemmt uns Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, dass mit solchen Akzentuierungen der latenten Behindertenfeindlichkeit zumindest nicht entgegengewirkt wird. Muss man sich erst persönlich oder familiär betroffene Entscheidungsträger wie seinerzeit John F. Kennedy wünschen, damit der universitären Behindertenpädagogik nicht mehr so starker Gegenwind ins Gesicht bläst?

Die Forschungsarbeiten, die in dieser Ausgabe der HEILPäDAGOGISCHEN FORSCHUNG vorfindbar sind, belegen, wie notwendig die Verankerung der akademischen Behindertenpädagogik an der Universität ist; ohne diese Lokalisierung wären die Artikel wohl nie zustande gekommen.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre,

Ihr

Herbert Goetze

 

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aktualisiert am 30.01.2003